Rush hour im Zug in Costa Rica

Wir Schweizer sind bekanntermassen Weltmeister im Zug-Fahren. Nun, da ich Schweizer bin und in der alten Heimat auch etliche Kilometer in der Eisenbahn hinter mich gebracht habe, dachte ich mir, dass ich dies hier auch mal ausprobieren sollte.

Dieser wird wahrscheinlich schneller sein als der Bus hier im Verkehr Costa Ricas mit seinen berühmten Staus („presa“).

Also habe auch ich mich einmal mit dem Gefährt der Incofer auf den Nachhause-Weg gemacht. In der Rush hour.

Meine Ausgangslage

Bei mir heisst dies, dass ich in La Sabana, San José unweit meines Arbeitsortes einsteige und bis zur Endhaltestelle Cartago fahren kann. Nach Konsultieren von Google Maps kann ich angeben, dass diese so um die 30km sind.

Ich verliess das Büro so um 17.10 Uhr, um dann ca. 17.20 Uhr – wann der Zug kommen soll – bereit zu stehen. Ein Arbeitskollege hat mir noch gesagt, dass ich den zweiten nehmen soll, da der erste nach Herredia fährt.

Meine Erfahrung

Erster Eindruck

Um ca. 17.25 Uhr kam dann die erste Lokomotive mit ihren Wagen zum Halt an meinem Stopp. Sicherheitshalber habe ich einen der Kondukteure gefragt wohin sie denn fahren, denn nirgends steht ein erhofftes „Cartago„. Auf sein „Como!!?“ wegen des Lärmpegels direkt neben der Lok fragte ich erneut und knapp „Heredia!!?“ und er so „Heredia!!!“. Alles klar.

Gute 5min später erreichte der zweite stählerne Koloss den Haltebereich. Ich habe sicherheitshalber wiederum nachgefragt. Cartago hiess es. Super!

Ich habe direkt vor dem Einsteigen zahlen wollen, da ich mich das von der Schweiz her gewöhnt war (kein Einsteigen ohne Ticket), die Mitarbeiterin bat mich aber bereits einzusteigen. Was ich dann tat.

Bezahlt habe ich 1’040 Colones, dies ist von „Pavas“ nach „Colegio de Ingenieros“ für 490 Colones plus den zweiten Streckenabschnitt „San José“ nach „Cartago“ für 550 Colones. Erster Eindruck: Etwas teurer als der Bus. Aber wie geschrieben, erhoffte ich mir natürlich schneller zu Hause zu sein, da dem Zug kein Verkehr im Weg steht.

Die Wagons dieses Fortbewegungsmittels hat keine Türen und somit steigt man, wie etwa bei den alten Londoner-Bussen, einfach ein. Dort stehen bleiben möchtest du aber nicht, warum erzähle ich dir gleich…

Im Abteil angekommen durfte ich mich in die Mitte stellen, meinen Arm gen Decke strecken und mich an den äusserst stabil anmutenden Stahlbarren festhalten. Hatte ich aber so erwartet.

Lichtgeschwindigkeit!

Der Tross beginnt sich zu bewegen. Und zwar nicht nur forwärts, sondern auch zu den Seiten. Und mein erster Gedanke: „Na klar! Jetzt weiss ich warum der Zug so langsam fährt.“

Natürlich habe ich den „Ticotren“ bereits einige Male vorbeiziehen sehen. Und das nicht sehr schnell. Einen Reim habe ich mir darauf gemacht, da die Ticos nicht sehr sensibilisiert sind auf Züge und deren Macht einfach grösser ist als ein Auto auf der Bahnüberführung (Leider gibt es immer wieder Unfälle, wo Autofahrer mit dem Zug in Kontakt kommen). Der Schaffner betätigte somit auch alle paar Meter sein Signalhorn, um zu warnen.

Und, wie ich jetzt feststellte, ist ein weiterer Grund die Schienenführung, in welcher man immer wieder krumme Abschnitte vorfindet.

Sitzklassenunterschiede?

Einige Haltestellen nach Downtown San José lichtete sich das Meer stehender Fahrgäste zu Gunsten sitzender immer mehr. Auch für mich gab es schlussendlich einen Sitzplatz.

Die Plastikschalen-Sitze fühlten sich an wie Himmel auf Erden (!) nachdem ich wahrscheinlich mehr als eine halbe Stunde mit einem erhobenen Arm dastand. Jetzt – wo ich sass – fiel mir auf, dass die Fahrgäste der Zweierreihe zur anderen Fensterseite in die mir entgegengesetzte Richtung blickten. Komisch, dachte ich mir.

Nachdem wir an einer Haltestelle ziemlich lange dastanden, fuhren wir plötzlich in die Richtung, aus der wir hergekommen waren. Ich dachte „Halt! Was ist das? Geht’s wieder zurück?“…

Ich erinnerte mich jedoch daran, dass mir die Schaffnerin Cartago gesagt hatte und daher blieb ich mal sitzen. Dies erklärt natürlich die Sitzinstallation wie eher beschrieben.

Am nächsten Tag höre ich von jemandem, dass es auch sowas wie „Ledersitze“ gäbe in diesem Zug. Vielleicht das nächste Mal.

Unterwegs

Es war nun doch erkennbar, dass der Zug in meine gewünschte Richtung unterwegs ist.

Beruhigt habe ich mich etwas im Schummerlicht umgeschaut, welches mich an einen Luftschutzbunker (Schweizer werden wissen wovon ich spreche) erinnerte. Viele Leute befanden sich im Halb- oder sogar Tiefschlaf. Einigen anderen sah man mit ihren erhellten Gesichtern an, dass sie sich über ihre Smartphones beugten.

Sehr überrascht stellte ich fest, dass die 10 minütige Verspätung nicht grösser geworden war, sondern konstant gleich blieb. Ausgezeichnet.

Plötzlich ging das Licht wieder an. Es war nicht mehr weit und nach weiteren 10min erreichte ich den Bahnhof in Cartago. Endstation. Und es war nun gut 19.05 Uhr.

Auf mich wartete danach noch ein 5-10 minütiger Spaziergang im angenehm warmen Klima Cartagos nach Hause. Wenn ich denke, dass da andere vielleicht noch einen Bus in ihr abgelegeneres zu Hause nehmen mussten, fühlte sich mein mittlerweile taubes Hinterteil wieder ziemlich fit an.

Fazit

Mein Weg nach Hause dauerte somit ein wenig mehr als 1h 30min. Wenn ich bedenke, dass ich im Bus um dieselbe Zeit bereits 2h 30min von Büro- bis zur Haustür hatte, dann finde ich ist der Zug der Incofer eine echte Alternative (Bus fahren in Costa Rica).

Ich persönlich, und nicht nur weil ich Schweizer bin, denke, dass man dieses Eisenbahnnetz ausbauen sollte. Dies, da der Feierabendverkehr sicher nicht weniger wird.

Falls du mehr zum Zug lesen möchtest, Dani hat bereits etwas darüber geschrieben: Zug fahren in Costa Rica.

Kennst du dich aus mit der Eisenbahn in Costa Rica? Kannst du uns weiteres an Info liefern? Wie immer, gerne im Kommentar.

Pura vida!

 

Titelbild: Last Four

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Marc Tschallener

Meine Frau und ich wohnen seit Dezember 2014 in der Stadt Cartago im Zentraltal Costa Ricas. Was für meine Frau eine Rückkehr in ihr Heimatland, ist für mich eine Auswanderung aus der Schweiz nach Zentralamerika. Hier arbeite ich im Tourismus-Bereich, in einer erfolgreichen Destination Management-Agentur.

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